Wimbachgries, Berchtesgaden

Das Wimbachgries in Berchtesgaden

Von der Klamm in den Bergwald

Das Wimbachtal ist eines der schönsten und ökologisch wertvollsten Täler der Bayerischen Alpen. Zwischen der Westseite des Watzmanns und der Ostseite des Hochkalters gelegen, verläuft das Tal etwa 10 km in südwestlicher Richtung (BayernAtlas) - von der Mündung der Wimbach in die Ramsauer Ache bei der Nationalpark-Infostelle Wimbachbrücke (627 m NHN) bis zum Leoganger Seilergraben (1.500 m NHN). Der Wanderweg verläuft zu Beginn steil bergauf durch die Siedlung bergauf und den Wald oberhalb der Wimbachklamm. Hier hat sich zum Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren das Schmelzwasser der Gletscher einen Weg durch das harte Dolomit-Gestein gebahnt. Endlich oben angekommen, öffnet sich der Blick auf das Steinerne Meer am Ende des Tals und auf die Wimbach, die hier noch frei durch ihr Kiesbett fließen kann.

An der Wimbach entlang

Am Ufer wachsen typische Pflanzenarten der Schuttfluren wie die Alpen-Pestwurz (Petasites paradoxus) und die Weiße Pestwurz (Petasites albus). Wo die Vegetation schütterer ist, zieren die gelben und rosa Blüten der Buchsblättrige Kreuzblume (Polygaloides chamaebuxus) und Alpenschwemmlinge wie die Silberwurz (Dryas octopetala) und die Bewimperte Alpenrose (Rhododendron hirsutum) die Felsen und Kiesbänke. Die Schneeheide (Erica carnea) steht bereits im Frühjahr in ihrer vollen rosa Blüte. An den Dolomitfelsen wachsen die kalkzeigenden Flechten-Arten Kahle Kalksteinkruste (Protoblastenia calva) und die Jenenser Grubenflechte (Gyalecta jenensis) mit ihren orangenen Apothecien den grauen Fels,  aus dem sie sich direkt herausarbeiten. Das übrige Teils des Lager lebt wenige Millimeter unter der Gesteinsoberfläche, in das sich der Pilz mit Hilfe organischer Säuren hineinfrisst. Die leuchtend orange Farbe der Jenenser Grubenflechte rührt von der Orange-roten Luftalge (Trentepohlia aurea), mit denen der Pilz symbiotisiert ist. Trotz der auffälligen Farbe handelt es sich um eine Grünalge, die anstelle von Stärke Carotinoide in kleinen Öltröpfchen als Energiespeicher bildet. Die Algen wachsen als kleine flauschige Lager an sickerfeuchten Kalksteinflächen.

Auf der gegenüberliegenden Seite zieht sich der montane Fichtenwald an der Ostseite des Hochkalters bergauf. Im Frühjahr leuchten die violettblauen Blüten der Leberblümchen (Hepatica nobilis) vom dunklen Waldboden. Leberblümchen sind typische Frühjahrsblüher in kalkreichen Wäldern der montanen Stufe und erreichen ein Alter von bis zu 300 Jahren! Regelmäßig erinnern die gelben Blüten der Wald-Schlüsselblume (Primula elatior)  an die länger werdenden Tage, die endlich auch in diesem kalten Tal langsam, aber sicher den Schnee tauen lassen. Vereinzelt ist der liebliche Duft des Gewöhnlichen Seidelbastes (Daphne mezereum) zu vernehmen, dessen rosafarbene Blüten erste Hummeln anlocken. Der unscheinbare Strauch besticht im Frühjahr durch seine wachsartig erscheinende Blüten an kahlen Stängeln, bevor im Sommer wenige Blätter gebildet werden. Im Herbst leuchten dann die orangenen Früchte aus dem Wald und locken Rotkehlchen (Erithacus rubecula) an, die die hochgiftigen Beeren liebend gerne verspeisen. Die ersten Triebe der Bergflockenblume (Centaurea montana) spitzen schon zwischen dem alten Laub hervor, im Sommer werden die großen, filigranen, blauen Blüten kaum zu übersehen sein. Noch ist allerdings Frühling und das wenige Grün im Wald stammt vom Wald-Bingelkraut (Mercurialis perennis), dessen harntreibende Wirkung ihm seinen altdeutschen Trivialnamen eingebracht hat (Bingeln = Pinkeln). Der wissenschaftliche Gattungsname geht auf das Element Quecksilber zurück, da die Pflanze beim Trocknen im Herbar eine stahlblaue Färbung annimmt. Ebenso weit fortgeschritten in der Entwicklung ist die Mandelblättrige Wolfsmilch (Euphorbia amygdaloides), deren rot-grünes Laub in den nächsten Tagen durch gelb-grüne Blüten ergänzt werden sollen. Diese submediterrane Art kenne ich vor allem aus den kalkhaltigen Buchenwäldern Unterfrankens, wo große Vorkommen an den Wegesrändern vom grauen Wetter ablenken. Hauptsächlich in montanen Wäldern jedoch wächst Wald-Bärlapp (Spinulum annotinum) und der seltenere Tannen-Bärlapp (Huperzia selago), die ihre gelbe Sporenmassen das ganze Jahr über produzieren.

Wild am Wimbachschloss

Irgendwann verschwindet die Wimbach hinter einer Staumauer, nun verläuft sie unterirdisch unter dem Wimbachgries.  Das Wimbachgries zählt mit seinen 10 km Länge, 1,5 km Breite und bis zu 300 m Tiefe zu den größten Griesflächen Europas. Einst überspannte ein riesiger Berg das Tal, der durch Verwitterung zusammenbrach und das Tal mit Geröll füllte. Heutzutage verwittern die umliegenden Gebirgsstöcke des Watzmanns, des Hochkalters und des Steinernen Meeres hinein und liefern große Mengen Geröll, die sich talabwärts als Gries bewegen. Auch heute noch bewegt sich der Schutt einige Meter im Jahr. 

Nach etwa 4 km und 300 Höhenmetern stetigem Aufstieg auf einem breiten Schotterweg erreichen wir das Wimbachschloss. Das Schloss wurde 1784 errichtet und ab 1810 vom Prinzregent Luitpold von Bayern als Jagdschloss genutzt, mittlerweile gibt es dort im Sommer eine Wirtschaft. Noch heute ist das Wimbachgries reich an Tieren; die Chance, Gämsen (Rupicapra rupicapra) zu beobachten ist sehr hoch. Als kälteliebende Tiere sind sie im Winter regelmäßig anzutreffen, im Frühjahr, wenn die Temperaturen steigen, ruhen sie gerne auf den Schneefeldern. Sie lassen sich von den Menschen kaum stören, da sie in dieser Region nicht bejagt werden. Fühlen sie sich doch gestört, ziehen sie sich in aller Ruhe in den Wald zurück und entziehen sich dank ihrer Färbung schnell unseren Blicken. Wer etwas genauer sucht, findet auch Losungen von ihnen auf dem Gries. Ab und zu lassen sich auch Losungen des Schneehasens (Lepus timidus) finden, der mit seinem weißen Winterfells sonst nur schwer im Schnee auszumachen ist. Mit etwas Glück lassen sich Losungen des Alpen-Steinbocks (Capra ibex) ausmachen, die sonst in höheren Lagen unterwegs sind. Bei guter Witterung lohnt sich ein Blick gen Himmel, hier lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Steinadler (Aquila chrysaetos) beobachten, die die Thermik nutzen, um sich in die Höhe zu schrauben. Es ist ein imposanter Anblick, wenn nach einigem Warten ein Paar aus dem Klausbachtal über den Kamm des Hochkalters fliegt und hier einige Zeit über dem Gries kreist.

Alte Bäume und seltene Flechten

In der Umgebung des Schlosses stehen alte Bergahorne (Acer pseudoplatanus) und Rosskastanien (Aesculus hippocastanum), auf denen sehr seltene ozeanische Flechtenarten wachsen. Auf den bemoosten Stämmen und Ästen wachsen zum Beispiel die Gefranste Gallertflechte (Leptogium saturnium), die Wald-Grübchenflechte (Sticta sylvatica), die Berg-Schildflechte (Peltigera collina), die Blaugraue Tuchflechte (Pannaria conoplea), die Pillen-Schüsselflechte (Parmelina pastillifera) oder die Löcherflechte (Menegazzia terebrata). Nicht weniger ästhetisch, jedoch deutlich häufiger sind die Echte Raureifflechte (Physconia distorta) und die Graue Tartschenflechte (Platismatia glauca), die hier auf einer kleinen Eberesche (Sorbus aucuparia) neben der Tiertränke wachsen. Schon häufiger haben wir einen extremen Reichtum an Flechten-Arten auf diesen kleinen Bäumen gefunden. In den Spalten der größeren Dolomitblöcke, die hier vor langer Zeit bei einem Hangabrutsch zum Liegen kamen, kommen die hellgrünen Lager der Sackflechte (Solorina saccata) zum Vorschein. Die im Lager eingesenkten dunklen Apothecien erinnern an Augen, die aus einer kleinen Höhle hervorlugen. Die Sackflechte zählt zu den tripartiten Flechten, bei denen der Pilz (Mykobiont) neben einer Grünalge (Photobiont) noch zusätzlich mit einer Blaualge (Cyanobiont) assoziiert. Dieser Cyanobiont bildet neben den auffälligen grünen Lagern noch kleinere, dunkle Lager, in denen Stickstoff aus der Luft fixiert wird. So kann die Art auch auf nährstoffarmen Kalkfelsen wachsen und kann sogar Moose und Gefäßpflanzen verdrängen.

Das Wimbachgries

Das Wimbachgries ist kein statisches Geröllfeld, sondern entwickelt durch die stetige Bewegung eine erstaunliche Eigendynamik, die sich auch auf die Flora dort auswirkt. Der Geröllfluss verhält sich wie eine sehr zähe Flüssigkeit und fließt in der Mitte am schnellsten. Der stetige Strom an Schutt entwurzelt ganze Bäume, deren Holz über Jahre hinweg mit dem Gries talwärts transportiert wird. Einzelne Fichten halten dem Strom kurz stand, bis auch sie überrollt und abtransportiert werden.  Zum Rand verlangsamt sich die Bewegung. Das hat zur Folge, dass die Wurzeln der dort wachsenden Pflanzen nur so stark beschädigt werden, dass sie in ausreichendem Maße nachgebildet werden können. Typische montan-alpine Gehölze wie die Latschen-Kiefer (Pinus mugo) kommen bereits am Ufer der Wimbach vor, im Gries halten sie sich jedoch nur auf einzelnen Inseln, die von den Überflutungen durch das Schmelzwasser im Frühjahr verschont bleiben. Hier siedeln sich auch Weiden (Salix sp.) an. Weiter oben, am Schneelahner  Wald wachsen die Kiefern höher, sie liegen in der Größe zwischen Rotföhren (Pinus sylvestris) und Latschenkiefern. Recherchen von Tobias Karlowski haben den Verdacht bestätigt, dass es sich bei diesen Exemplaren um die seltene Haken-Kiefer (Pinus uncinata) handelt.  Das Relief des Gries zeigt eine sehr hohe Diversität und unterliegt einer hohen Dynamik. Jedes Jahr werden hier die Karten neu gemischt. Auf 1100 m NHN ist das Gries bereits 1,5 km breit und erinnert an die kargen Tundren der Arktis. Das Wetter verstärkt diesen Eindruck zusätzlich, bei der Begehung im Januar 2026 fegten bei -10°C eisige katabatische Winde von den Bergen hinab ins Tal. 

Pflanzen auf Abwegen

Durch die Verwitterung der Bergmassive werden entstehen auch in höheren Lagen sehr dynamische Lebensräume, die ständig in Bewegung sind. Diese werden über den Schuttstrom ins Tal transportiert und können hier als dealpine Alpenschwemmlinge angetroffen werden. Als Pionierpflanzen haben sie sich gegenüber den Pflanzen im Flachland an diese dynamischen Lebensräume angepasst. In seltenen Fällen führen starke Witterungsereignisse dazu, dass Pflanzen und Samen der alpinen Stufe in das Tal gerissen werden und sich im Gries wieder neu ansiedeln. So können an den Rändern des Gries de-alpine Alpenschwemmlinge gefunden werden, die sonst nur in großer Höhe wachsen. Bei der Begehung des Grieses mit meinem Kollegen und Vegetationsökologen Tobias Karlowski zeigt er mir eine ganze Reihe solcher seltenen Spezialisten zeigen, wenn auch in vegetativer Form, häufig ohne Blütenstände. Neben den kleinen Pflänzchen im Schutt ist vor allem Tobias Karlowski - der sich auf Knien mit wenigen Metern pro Stunde den Berg hinaufrobbt - ein lohnenswertes Motiv.
Einer der ersten Funde ist der Clusius-Enzian (Gentiana clusii), dessen große, blau gefärbte, einzeln stehenden Blüten von den Almweiden bekannt sind. Den häufigeren Gewöhnliche Fransenenzian (Gentianopsis ciliata) können wir sogar blühend im Gries auffinden. Von den typischen Polsterpflanzen der montanen und alpinen Stufe ist im Gries das Blaugrüne Steinbrech (Saxifraga caesia) und das Bewimperte Mannschild (Androsace chamaejasma) häufig anzutreffen. Die typische türkise Farbe entsteht durch die Kalkabscheidungen auf der Blattoberfläche, die die Pflanze vor der hohen UV-Strahlung in dieser Höhe schützt. Der Fetthennen-Steinbrech (Saxifraga aizoides) ist leicht an den dicken Blättern zu erkennen und blüht wunderschön gelb-orange, im November ist jedoch nur das Grün nachweisbar. Dafür steht das Glatt-Brillenschötchen (Biscutella laevigata), die Alpen-Gämskresse (Hornungia alpina) und die Doldige Gänsekresse (Arabis ciliata) noch in Blüte. Vom Kriechenden Gipskraut (Gypsophila repens), dem Ungleichblättrigen Labkraut (Galium anisophyllon) und der Silberdistel (Carlina acaulis) können wir nur das Grün nachweisen. Zwei absolute Highlights ist die  Kleinblütige Akelei (Aquilegia einseleana), letztere ist nur von wenigen Standorten auf dem Watzmann bekannt. 

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